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Chemnitzer Wochenspiegel vom 1.09.2010

Großer Wirbel um Rollschuhsport - Harte Zeiten für Hälse

Erstmals Kooperation zwischen Sportensemble Chemnitz (SEC) und Universitäten – Tests ergaben: Beim Rollschuhschleudern wirkt das Dreifache des Körpergewichts

 

Das Rollschuhschleudern ist ihr Leben. Seit nunmehr 40 Jahren betreibt Kerstin Korb diese Sportart beim Sportensemble Chemnitz (SEC) vom TSV Einheit Süd – zunächst aktiv, heute als Trainerin der Gruppe. „Ich bin quasi auf Rollschuhen aufgewachsen und weiß, welchen erheblichen Lasten der Körper, vor allem der Halsbereich, bei dieser Sportart ausgesetzt ist“, erzählt Kerstin Korb. Eine Frage spukte ihr in diesem Zusammenhang schon seit langem durch den Kopf: Wie viel Kraft wirkt beim ‚Wirbel’ auf die Halswirbelsäule? Bei dieser Figur fährt der größere Sportler (Untermann), eine Wirbellounge um den Hals tragend, im Kreis und „wirbelt“ damit einen kleineren Aktiven (Obermann) um dessen eigene Achse.

Dank der erstmaligen Zusammenarbeit von Sportensemble Chemnitz, Universität Konstanz und TU Chemnitz konnte ihr diese Frage jetzt beantwortet werden. Tests ergaben, dass der Halsbereich des Untermanns ungefähr das Dreifache des Körpergewichts des Obermanns aushalten muss. „Gefühlt“ wird statt einem Kind ein erwachsener Mann gewirbelt.

Hintergrund:

Mitinitiator der ungewöhnlichen Studie ist Prof. em. Dr. Hartmut Riehle, einstiger Weltmeister im Synchron-Trampolinspringen und Professor für Sportwissenschaften und Biomechanik an der Universität Konstanz. „Vor knapp 20 Jahren lernte ihn das SEC auf einem Turnfest kennen“, erzählt Kerstin Korb. Seitdem verbringe der Verein regelmäßig seine Trainingslager am Bodensee und zeige Shows. „Hartmut Riehle stellte u. a. den Kontakt zu ortsansässigen Vereinen her, damit wir deren Geräte während des Trainingslagers nutzen können, und hielt selbst Trainingsstunden ab“, so die Übungsleiterin weiter. Zudem gab er als Biomechaniker Expertentipps in Bezug auf neue Geräte, so zum Beispiel bei der Oberflächenwahl einer neuen Rollschuhplatte. Kurzum: Es entstand eine gute Zusammenarbeit. Kerstin Korb: „Wir redeten häufig über das Rollschuhschleudern und auch über meine Frage, aber der wissenschaftliche Ansatz stand nie im Raum.“ – Bis zum 65. Geburtstag von Prof. em. Dr. Hartmut Riehle. Der sportliche Mann wollte in seiner Abschiedsveranstaltung im Juni dieses Jahres an der Universität Konstanz projektbezogen zeigen, welchen Nutzen die Sportwissenschaften haben bzw. welche Möglichkeiten sie bieten. Damit war der Anstoß für die Erforschung der Kräfte im Halsbereich beim Rollschuhschleudern gegeben.

 

Vorbereitungen und Testablauf:

Durch den Kontakt von Prof. em. Dr. Hartmut Riehle zum Institut für Sportwissenschaft der TU Chemnitz, Professur Bewegungswissenschaft unter Leitung von Prof. Dr. Thomas L. Milani konnten die wissenschaftlichen Untersuchungen in Chemnitz stattfinden. „Im März dieses Jahres begannen die aufwendigen Vorbereitungen“, erinnert sich Kerstin Korb. Nachdem festgestellt wurde, dass die vierteilige Rollschuhplatte des SEC zu instabil für die Messung sei, fertigten die Forscher der TU Chemnitz eine Holzplatte aus dem Ganzen. Die Techniker der Uni Konstanz mussten zudem einen Zugkraftaufnehmer in eine Wirbellounge integrieren.

 

Die zweitägigen Messungen mit zwei Rollschuhpaaren fanden im Mai statt. Dabei wurden sowohl biomechanische Daten über die auf den Sportler wirkenden Kräfte als auch technische Merkmale wie z. B. die Position beider Füße während der Drehbewegung bzw. deren Druckverteilung, die für eine saubere Bewegungsdurchführung notwendig ist, gesammelt. Fünf verschiedene Systeme ermittelten die Informationen. Über die auf eine Kraftmessplatte geschraubte Rollschuhplatte wurden die Druckverhältnisse beim Drehen erforscht. Spezielle Einlegesohlen, Pedar-Sohlen, in den Rollschuhen gaben die Druckverteilung an der Fußsohle des Untermanns beim Bodenkontakt wieder. Des Weiteren wurde die Zugkraft in der Lounge während des Wirbelns gemessen und das so genannte VICON-System nahm die Bewegungshaltung des Paares anhand von Körperpunkten auf. Genutzt wurden hierfür die im Uni-Labor fest installierten 12 Kameras, die ihre Informationen zu jedem Zeitpunkt aus Kontaktpunkten auf den Körpern der Sportler erhielten. Aus diesen Daten konnte ein Bewegungsmuster generiert werden. Gleichzeitig wurde die Drehgeschwindigkeit des Untermannes mit Hilfe einer Hochgeschwindigkeitskamera gemessen.

Die gemeinsame Auswertung der unterschiedlichen Systeme bei beiden Rollschuhpaaren ergab, dass bei einem Gewicht der gewirbelten Person von 35 Kilogramm der Hals bzw. die Halswirbelsäule des Untermanns mit einem Gewicht von 90 Kilogramm belastet wird. Es wirkt quasi rund das Dreifache des Körpergewichts, bei schlechter Körperhaltung beider Sportler kann es sogar das Dreieinhalbfache betragen.

 

„Mit der Messung habe ich nicht nur endlich die Antwort auf meine Frage bekommen“, freut sich Kerstin Korb, „sondern die Ergebnisse haben gezeigt, wie wichtig eine gute Technik ist, um aufgrund der wirkenden Kräfte keine Verletzungen davonzutragen.“ Um das Techniktraining aber noch effektiver zu gestalten, seien eine gezielte Auswertung der Zusammenhänge aller Informationen und weitere Messungen mit anderen Paaren notwendig, um Vergleichswerte zu erhalten. Generell sei dies nicht geplant, doch vielleicht erfüllt sich auch dieser Wunsch. Maja Neubert, langjähriges Mitglied im SEC bzw. der Rollschuhgruppe und Studentin des Studiengangs BSc Sports Engineering an der TU Chemnitz, schreibt voraussichtlich ihre Bachelorarbeit zum Thema. Sie hat wie Kerstin Korb als Untermann an den Tests im Mai teilgenommen.

Untermann Maja Neubert wirbelt Sarah Bauer unter Testbedingungen.Prof.Dr.Hartmut Riehle (2.v.r.),em. Professor für Sportwissenschaften und Biomechanik an der Universität Konstanz, und Prof. Dr. Thomas L. Milani (r.), Professurinhaber Bewegungswissenschaft am Institut für Sportwissenschaften der TU Chemnitz, kontrollieren die Messungen. Foto: Uwe Meinhold

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